Elternkreis Suchtabhängiger e.V. Deggendorf-Mainkofen-Niederbayern

Erfahrungen einer Mutter.


2.00 Uhr morgens. Ich schrecke hoch. Telefon!! Wie ich den Weg bis hierher geschafft habe weiss ich nicht. Ich nehme den Hörer ab , meine Hände zittern, das Herz klopft bis zum Hals. „Hallo!?“ „Mama? Mama ich muss das Haus verlassen. Die haben mich aus der Therapie geschmissen.“ Die Stimme meines Sohnes klingt weinerlich. Ich habe das Gefühl, als würde der Boden unter meinen Füssen verschwinden. „Andreas, kein Mensch setzt dich um 2.00 Uhr morgens vor die Tür.“ „Du glaubst mir nicht? Warte, ich geb dir den Therapeuten.“ – „Hallo, ja es tut uns leid, aber ihr Sohn ist rückfällig geworden. Das wär ja nicht das schlimmste, über diesen Rückfall hätten wir reden können. Aber er hat das Heroin besorgt und ins Haus gebracht. Es tut mir leid, in diesem Fall müssen wir konsequent sein.

Wir bringen ihn jetzt zum Bahnhof und kaufen ihm eine Fahrkarte. Ihr Sohn möchte noch mal mit ihnen reden. Tschüss!“ „Mama, ich ruf dich an, sobald ich weiss wann der Zug ankommt. Du holst mich doch ab?“ – Das war’s wohl. Erst vor 14 Tagen haben mein Mann und ich ihn dorthin gebracht. Wieder einmal hatten wir gehofft, dass dieser Horror-Trip endlich ein Ende hat. Jetzt fängt alles wieder von vorne an. Mein Mann steht hilflos vor mir. Ich sitze im Sessel, bin nicht fähig etwas anzuziehen. Mein ganzer Körper zittert. Mein Mann legt eine Decke um mich. Er denkt ich friere. Es ist die Angst! Tausend Gedanken drehn sich wie ein Karussell in meinem Kopf. Nein! Nein! Nein! Ich halte das nicht mehr aus! Die letzten drei Jahre waren die Hölle . Dann dieser Hoffnungsschimmer. Und jetzt? Von einer Sekunde auf die andere war ich wieder mitten drin. Die letzten 3 Jahre laufen wie ein Film vor mir ab. Furchtbare Szenen spielten sich fast täglich bei uns ab. Die Sucht hat aus meinem Sohn einen Tyrannen gemacht. Aus dem netten, fröhlichen Jungen wurde ein schrecklicher Egoist. Die Gefühle anderer Menschen waren für ihn ein Trampelpfad. Alle hatten nach seiner Pfeife zu tanzen und wehe, wenn nicht, dann tobte er, schlug mit den Fäusten gegen die Wand oder gegen Türen. Schrie mich an, was ich für eine schreckliche Mutter bin. Ob ich wirklich erst tot sein muss, damit er endlich Ruhe vor mir bekäme. Dass ich Schuld daran sei, dass er drogenabhängig ist. So eine Mutter kann man ja nur im Drogenrausch ertragen.

Nach Tobsuchtstagen folgten Depressionsphasen, das sass er dann da und heulte nur. Kein Mensch versteht mich, alle verlangen nur : Andreas mach dies, Andreas mach das, aber wie es in mir aussieht interessiert niemanden. Egal, ob er tobte oder jammerte – ich hatte Schuldgefühle! Ja, ich glaubte wirklich an dem ganzen Elend schuld zu sein. Hatte ich ihn zu sehr verwöhnt? Hätte ich ihm schon von klein auf Grenzen setzen müssen? Litt er zu sehr an der Scheidung? Hätte ich bei seinem Vater bleiben sollen, obwohl die Ehe alles andere als glücklich war? War ich zu egoistisch? – Nicht nur die Sucht meines Sohnes zerstörte mich. Ich zerfleischte mich auch noch mit Selbstvorwürfen. Sollte mein Sohn Schaden durch mich gehabt haben, so wollte ich es wieder gut machen. Mein schlechtes Gewissen nährte die Sucht noch mehr.

Diese Nacht will einfach nicht vergehn. Noch immer sitze ich in diesem Sessel, eingewickelt in eine Decke. Ich schau zur Uhr. ½ 4 Uhr. O Gott, mein Sohn sitzt jetzt 400 km entfernt in einer kalten Wartehalle. Hoffentlich passiert ihm nichts. Es wird ihn doch keiner ansprechen und ihm „Stoff“ anbieten? Oder Andreas wird doch nicht einen Dealer finden und bei ihm Drogen kaufen. Hat er überhaupt noch Geld? Ich hoffe nicht. Er friert jetzt bestimmt und hat Angst allein in diesem riesengrossen Bahnhof. Er findet sich bestimmt nicht zurecht. Mein armer Junge! Aber eigentlich geschieht’s ihm ganz recht. Warum baut er auch wieder diese Sch...? Hätte die besten Chancen gehabt aus seinem Leben was zu machen. Die Therapeuten hätten ihm dabei geholfen. Nein – er muss wieder zu dem Teufelszeug greifen. Ich könnte ihn schütteln! Wie kannst du uns das nur antun?! – Lieber Gott, bitte bring mir meinen Sohn gesund nach Hause! Um 8.00 Uhr früh der erlösende Anruf: Mama, ich bin jetzt angekommen. Holst du mich ab?

Er stieg zu mir ins Auto als wär nichts passiert. „Hallo Mama, ich kann dir sagen in diesem Bahnhof war’s eiskalt. Bin total durchgefroren. Werde gleich heiss baden, wenn wir zu Hause sind. Hast du ne Kippe für mich?“ Der Umgangston hat sich die letzten Jahre wesentlich verändert. Ich konnte seine Art, wie er sprach, nicht mehr ertragen. „Mama, warum schaust du so komisch? Denkst wohl ich wäre schuld an allem. Da irrst du dich aber gewaltig. In diesem Haus waren nur Idioten. Angefangen von den Therapeuten bis hin zu den Patienten. Schon am ersten Tag waren Drogen im Haus. Kaum waren die Therapeuten abends weg, wurden die reinsten Drogen-Fêten gefeiert. Natürlich hab ich nicht mitgemacht. Ich blieb die letzten 14 Tage wirklich stark, aber dann ging’s nicht mehr. Gestern nahm ich dann auch ein wenig von dem Heroin und prompt merkt’s dieser Dödel von Therapeuten. 14 Tage merkt er nichts, obwohl alle „prall“ waren. Bei mir merkt er’s. Ich hab das Heroin nicht beschafft. Ein Mädchen war’s. Ich hab die Schuld auf mich genommen, das Mädchen hätte sonst zurück in den Knast müssen.“ Lügen, nichts als Lügen!!! Ich könnte schrei’n! Ich sage nichts. Fahr ruhig weiter. Ein falsches Wort von mir würde jetzt mit einem Riesenkrach enden. Will jetzt keinen Streit, hab keine Nerven mehr dafür.

Andreas verlor seine Arbeit. Hätte er seine Therapie fertig gemacht, hätte er auch in der Firma bleiben können. Sie wussten von seinem Drogenproblem. Schon vor einem Jahr gab ihm sein Chef eine Chance: “Andreas, mach eine Therapie, dann kannst du bleiben.“ Andreas brach diese Therapie nach 10 Wochen ab. Er war damals in der selben Einrichtung. Der Suchtdruck und ein Mädchen waren schuld, dass er einfach seine Sachen packte und ging. Dieses Mädchen hat ihn dazu überredet abzubrechen. Die Firma gab ihm eine zweite Chance. Diesmal war es auch die letzte.

Andreas versprach mir noch einmal eine Therapie zu machen. Alle 14 Tage fuhr ich mit ihm zur Drogenberatung. Täglich fuhren wir zu einem 30 km entfernten Arzt. Andreas meinte, dass es sinnvoller wäre die Zeit bis zur nächsten Therapie mit Methadon zu überbrücken, damit er nicht rückfällig wird. Das klang vernünftig. Also nahm ich die Strapazen auf mich und fuhr mit ihm entweder vor oder nach meiner Schicht zu diesem Substitutionsarzt. Seit 2 Jahren arbeitete ich in einer Firma abwechselnd Früh- und Spätschicht. Meine Arbeitskollegen hatten von meinem Problem keine Ahnung. Ich wollte auch nicht, dass sie jemals davon erfuhren. Zu sehr schämte ich mich als Mutter so versagt zu haben.. Ich beneidete sie, wenn sie von ihren Kindern erzählten. War ich zu Hause, konnte ich es kaum erwarten in die Firma zu kommen, damit ich etwas Ruhe hatte. War ichin der Firma, hatte ich keine Ruhe, weil ich nicht wusste, was zu Hause los war. Haushalt, Firma, die Arzt-Fahrten und die nervliche Belastung, lang steh ich dasnicht mehr durch. 

Damals glaubte ich noch, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis mein Sohn einen neuen Therapieplatz hat. Er ging ja regelmässig zur Drogenberatung Es vergingen Wochen. Irgendwann fragte ich meinen Sohn: “Sag mal, Andreas, hast du denn noch keine passende Einrichtung gefunden?“ Andreas schrie:“ Ich mach keine Therapie mehr. Merkst du denn nicht, dass eine Therapie alles noch viel schlimmer macht?“ – Für mich brach wieder einmal eine Welt zusammen. Die Hoffnung auf ein baldiges Ende dieser Seelenqualen war wie weggeblasen. In dieser Nacht betete ich wieder wie schon viele Nächte vorher: “Lieber Gott, lass mich bitte einschlafen aber nie mehr aufwachen!“ Ich wachte auf. Jeden Tag. Und immer wieder kämpfte ich mich durch, jeden neuen grausamen Tag. Der Arzt hatte auch längst gemerkt, dass Andreas mit der Therapie nur bluffte. Er dosierte ihn langsam runter. Andreas dosierte sich mit allem, was er in die Finger bekam umso schneller rauf. Er nahm Tabletten, Drogen, Alkohol. Ich war nur noch verzweifelt, ratlos, hilflos.

Telefon! „Ja, bitte?“ – „Hallo, Frau Bauer! Hier ist Andreas’ Drogenberater. Es geht um Folgendes: Ich möchte eine Selbsthilfegruppe für Eltern drogenabhängiger Jugendlicher gründen. Vier Mütter haben ihr Kommen schon zugesichert. Dieses Treffen würde alle 14 Tage hier in der Drogenberatungsstelle stattfinden. Wollte sie fragen, ob sie Interesse hätten?“ Hilfe für uns Eltern? Wie lange suche ich schon nach Hilfe. Es war keine geboten. Ob ich Interesse an Hilfe habe? Natürlich!! Ich nahm das Angebot dankend an. Ich kam zum vereinbarten Termin in die Beratungsstelle. Etwas nervös war ich schon. Der Drogenberater führte uns in ein Zimmer, den Gruppenraum. Es sassen schon einige Frauen dort. Mein Mann begleitete mich. Obwohl er nicht Andreas’ Vater war, wollte er dennoch keine Möglichkeit verpassen, ihm zu helfen. Der Berater meinte, wir sollen unsere Vornamen nennen und kurz unsere Geschichte erzählen. Eine Frau fing zu erzählen an. Sie weinte. Mein Gott, das Leben dieser Frau war genauso dramatisch wie meins. Ich hab immer geglaubt, dass ich es besonders dick abbekommen hätte.
Jetzt sassen da Mütter mit demselben Problem. Auch sie hatten Schuldgefühle, waren verzweifelt, hatten Angst, waren ratlos, hilflos, traurig. Ich konnte diese Mütter nur zu gut verstehn. Als ich meine Geschichte erzählte, fühlte ich mich verstanden. Ich fühlte mich wohl unter „Meinesgleichen“. Regelmässig gingen mein Mann und ich nun zur Elterngruppe. Es kamen immer wieder neue Eltern und neue Schicksale dazu. Der Drogenberater gab sein bestes, klärte uns über den Suchtverlauf auf, predigte uns, dass wir konsequent sein müssten, wenn wir in unserem Leben eine Änderung möchten. Wir Eltern waren der Meinung, dass unsere Kinder mit den Drogen aufhören müssten, damit wir wieder Freude am Leben finden. Es ist genau umgekehrt. Wir müssten unseren Kindern vorleben, dass das Leben schön sein kann, dass es Dinge gibt, für die es sich lohnt zu leben. Leicht gesagt, doch wie sollen wir das schaffen? Jeder von uns erlebte zu Hause dieses Drogen-Chaos. Wie sollten wir dann fröhlich und fidel sein?
Diese Gruppentreffen waren sehr wichtig für mich. Ich freute mich, wenn endlich die 14 Tage vorbei waren und ich dahin gehen konnte. Freude? Ja, es gab tatsächlich wieder etwas, auf das ich mich freuen konnte. Ich fühlte mich wohl bei diesen Leuten. Ja, bei mir fing sich wirklich langsam an etwas zu verändern. Ich fühlte mich etwas stärker. Hin und wieder gelang es mir ein kleines Konsequenzchen durchzuziehen. Jetzt wollte ich endlich Erfolg sehn, doch der blieb aus. Der Gruppe klagte ich mein Leid: “Stellt euch vor, ich renn jetzt schon Wochen hierher, aber bei meinem Andreas ändert sich überhaupt nichts. Den ganzen Tag hängt er in seinem Zimmer herum. Rührt keinen Finger. Sein Zimmer gleicht einer Müllhalde. Meistens ist er „prall“. Nörgelt so lange an uns herum, bis uns der Kragen platzt und wir auch nur noch schrein. Von Therapie will er nach wie vor nichts wissen. Ich halte diesen Zustand nicht mehr aus! Was soll ich denn noch tun?“ Eine Mutter sagt mir etwas, das ich schon lange weiss ab er immer wieder von mir wegschob: „Warum sollte sich dein Sohn ändern? Dem geht’s doch gut. Er hat sein warmes Zimmer, Mama kocht und wäscht für ihn. Hat er Hunger, geht er an einen gefüllten Kühlschrank. Sag mir einen Grund, warum er sich ändern sollte.“
Sie hatte recht. Ich musste meinen Sohn vor vollendete Tatsachen stellen. Ich entschied mich aus Liebe zu meinem Sohn für diesen Weg. Wenn es auch der schmerzlichste meines Lebens werden sollte. Einige Tage gab ich mir noch Bedenkzeit, dann stellte ich Andreas ein Ultimatum: „Du hast jetzt noch 8 Wochen Zeit, einen Antrag für eine Therapie zu stellen oder du ziehst bis dahin aus.“ Bis zum letzten Tag habe ich gehofft, er würde sich für eine Therapie entscheiden. Er tat es nicht. Er zog aus. Er ging weit weg zu Freunden, die er in der ersten Therapie kennen gelernt hatte. 200 km war er nun entfernt von mir. Es brach mir das Herz, doch mein Verstand sagte mir, dass ist die einzige Chance, die mein Sohn noch hat. Herz und Verstand führten von da an einen unerbittlichen Kampf. Eltern aus der Gruppe gaben mir in dieser schweren Zeit Halt. Sie waren längst nicht mehr nur Eltern aus der Gruppe, sondern die besten Freunde für mich geworden.
Andreas Freunde haben schnell gemerkt, dass er keine Lust hatte sich Arbeit zu suchen. Er hing auch bei ihnen nur herum. Er musste sich bald eine neue „Bleibe“ suchen. Er nahm sich eine Appartementwohnung. Arbeitslosengeld hatte er mittlerweile beantragt und glaubte alles damit finanzieren zu können: Seine Miete, seinen Lebensunterhalt und vor allem seine Sucht. Bald kamen die ersten verzweifelten Anrufe:“ Mama, bitte hilf mir – ich kann die Miete nicht bezahlen, man hat mir mein Geld gestohlen!“ Mama zahlte. „Mama, ich hab kein Geld um Essen zu kaufen!“ Mama schickte Lebensmittel. Eine Gruppenfreundin riet mir:“ Mach es nicht. Du musst ihn auflaufen lassen. Sonst unternimmt er nichts gegen seine Sucht.“ Die Anrufe von Andreas wurden immer flehentlicher:“ Bitte Mama hilf mir, ich hab kein Geld mehr.“ „Mama, ich will nach Hause – geh hier total zugrunde!“ Ich war restlos verzweifelt. Was mach ich nur? Ich setz mich jetzt ins Auto und hol ihn nach Hause. – Nein! Das darfst du nicht. Er ist für sich selber verantwortlich. Er muss erst was gegen seine Sucht unternehmen.
Herz gegen Verstrand. Ich nahm Kontakt mit der Drogenberatungsstelle in der Stadt auf, in der Andreas lebte. Ich wusste, dass er sich dort ab und zu aufhielt. Sie halfen ihm weiter, wenn er Probleme mit dem Arbeitsamt hatte. Verschafften ihm sogar einen Job. Andreas bekam Methadon – und einige Wochen lief das auch recht gut. Dann wieder der grosse Knall! Andreas reichte das Methadon nicht. Er nahm obendrein noch Drogen, Tabletten, alles was zu kriegen war. Die Arbeitsstelle bekam Andreas kaum noch zu sehen, nur noch seine Krankmeldungen. Er verlor seinen Job. Immer wieder rief ich bei diesem Drogenberater an, fragte wie es Andreas geht. Es war ein sehr netter, freundlicher Mann, doch er sagte mir immer wieder dasselbe: „Geben Sie ihm kein Geld! Zahlen Sie ihm keine Rechnung!“ Andreas Anrufe klangen immer verzweifelter. Er flehte, weinte, drohte mit Selbstmord. Ich blieb hart (aber herzlich). Sagte ihm immer wieder, dass ich ihm weiterhelfen würde, sobald er etwas gegen seine Sucht unternimmt. Meistens schrie er ins Telefon:

„Therapie!!! Ich mach keine Therapie! Lieber nehm ich einen Strick und häng mich auf. Leb wohl, Mama!“

Das geht nun seit 1 ½ Jahren so. Vor ein paar Tagen hab ich bei Andreas Drogenberater angerufen. Nur so, um zu wissen, wie’s ihm geht. Er sagte mir: „Andreas hat einen Antrag auf Therapie gestellt.

Ich bete zu Gott: “Gib ihm die Kraft, dass er es dieses mal durchsteht.“

Andreas ist am  24.12.2000 an einer Überdosisverstorben.