Elternkreis Suchtabhängiger e.V. Deggendorf-Mainkofen-Niederbayern


Anfang 1995 erfuhr ich, dass mein Sohn, damals 20 Jahre alt, drogenabhängig ist. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich stellte ihn zur Rede und er gab es zu. Daraufhin machte er einen kalten Entzug. Er ging zwar zur Arbeit, aber abends durfte er nicht mehr weggehen und ich sperrte ihn in seinem Zimmer ein. Kalter Entzug  -  was ist das?

Er musste ihn ohne Medikamente überstehen und das war sehr schlimm für ihn. Jan war 3 Monate clean. Am 9. Juni 95 erwischte er eine Überdosis. Ich war schon in der Arbeit und mein Freund wollte ihn morgens wecken, da wurde er nicht  mehr wach. Mein Freund rief mich in der Firma an und sagte mir, dass irgend etwas nicht stimme. Ich bat ihn, einen Notarzt zu rufen. Jan wurde zuhause noch reanimiert und kam dann ins Krankenhaus auf die Intensivstation. Mein Freund holte mich von der Arbeit ab und sagte, ich solle sofort ins Krankenhaus kommen, denn sie wissen nicht, ob sie ihn durchbringen. Nachmittags kam er zu sich und wir erfuhren, dass er ng mit Heroin genommen hatte. Der Befund ergab, dass das Heroin sehr rein war. Mein Sohn war dann 1 Woche im Krankenhaus und entschied sich dann für eine Therapie. Der Oberarzt veranlasste, dass er einen Platz in Mainkofen bekam – zum Entgiften und Warten auf einen Therapieplatz. Er blieb 4 Monate dort und sollte kurz vor Weihnachten 95 nach Neustadt a.d. Saale zur Langzeittherapie. Jan entschied sich dann doch gegen die Therapie und meinte, er schaffe es auch so. Für mich brach wieder eine Welt zusammen, da ich wusste, dass er ohne eine längere Therapie keine Chance hatte, es zu schaffen. Zum Jahresende kündigte er bei seiner Firma und fing im Januar 96  bei der Caritas als Zivildienstleistender an.

Im Sommer wurde bei uns im Haus ein Appartement frei. Er bewarb sich und bekam es auch. Mein Sohn freute sich riesig und ich half ihm finanziell die Wohnung einzurichten. Er ging mit so einem Elan daran und zimmerte sein Bett selbst, da es diese Größe nicht fertig  zu kaufen gab. Das Bett mit dem Bettkasten wurde so schön, dass ich mich mit ihm freute.

Irgendwann im Laufe des Jahres merkte ich, dass wieder die sogenannten Freunde kamen und er wieder rückfällig wurde. Mein 7 Jahre jüngerer Sohn Nils litt ebenso unter der Sucht seines Bruders, weil er außerdem immer sein bester Freund war. Wir mussten in dieser Zeit auch wieder einen Notarzt rufen, da Jan eine Lähmung im Gesicht bekam. Er hätte Medikamente entsorgen sollen und hat sie dann selbst genommen. Mein Sohn kam ins Krankenhaus und  bekam eine Infusion. Abends konnte ich ihn wieder abholen.

Nach seinem Zivildienst im Februar 97 fing er in der gleichen Firma zu arbeiten an, in der ich auch war. Er machte seine Arbeit gut und schaffte es auch irgendwie trotz seiner Sucht. Eines Tages sagte er: „Mam, wie mache ich es, dass ich 3 Wochen Urlaub bekomme und zur Entgiftung nach Mainkofen gehen kann?“ Ich sagte :“ Geh zu Deinem Chef und Schichtführer und sage ihnen die Wahrheit – entweder sie verstehen es oder nicht.“ Mein Sohn  sagte es ihnen und sagte dann:“ Mama, die sind wirklich in Ordnung – ich bekomme den Urlaub!“

Er ging dann 3 Wochen nach Mainkofen zur Entgiftung. Ich freute mich riesig darüber.  Jan arbeitete dann wieder weiter in der Firma und alle waren zufrieden mit ihm trotz etlicher Rückfälle. Ende März 98 war sein Zustand wieder so schlimm, dass ich ihm sagte:“ Entweder du gehst auf Therapie oder du nimmst dir den goldenen Schuss – so kann das nicht weitergehen!“ Wir saßen beide da und weinten. Es muss schon ganz arg sein, wenn  das eine Mutter zu ihrem Sohn sagt. Er sah ein, dass es nicht mehr anders ging. Daraufhin ließ er sich krank schreiben und ging ins Methadonprogramm, um die Zeit  bis zur Therapie zu überbrücken. Das dauerte ein halbes Jahr.  In dieser Zeit bekam er das Methadon von einem

Arzt, der die Lizenz dafür hatte in Zusammenarbeit mit dem Hausarzt und dem Therapeuten.

In diesem Jahr war er 3 mal in Mainkofen.

Seit März 98 bin auch ich in eine Selbsthilfegruppe gegangen, die von einem Therapeuten geleitet wurde. Es ging mir sehr schlecht in dieser Zeit, da mein jüngerer Sohn die Lehre nicht mehr weitermachen wollte. Er schwänzte die Arbeit, so dass wir Ende April einen Aufhebungsvertrag machten. Aus gesundheitlichen Gründen machte ich das einen Monat später auch bei meiner Firma. Mein Chef sagte mir zum Abschied:“ Meinen Sie, dass es besser ist, wenn Sie zuhause sind?“ Ich sagte „Ich weiß es nicht – ich muss schauen, dass ich daheim alles auf die Reihe  bekomme.“ Als erstes bin ich mit meinem jüngeren Sohn zum Jugendpsychologen gegangen. Wartezeit 12 Wochen! Mein Gott, dachte ich da kann ja alles zu spät sein. Ich hatte Angst, dass Nils auch schon in die Szene gerutscht ist. Nach mehreren Sitzungen teilte mir der Psychologe mit, dass er noch keine Drogen genommen hatte und dass er das einzig Richtige gemacht hat: Die Lehrstelle aufzugeben. Ich verstand es nicht und fragte „Wieso?“.  Er erklärte mir, dass Nils ein Ventil gebraucht hätte – eben das Aufgeben der Lehrstelle – sonst wäre er auch abgerutscht, da sein Vater Alkoholiker ist, sein Bruder drogensüchtig und ich als Mutter nervlich angeschlagen bin. Mit wem hätte er sich aussprechen können?

Nun wieder zurück zu meinem älteren Sohn. Mitte Oktober war es soweit, er kam in die Langzeittherapie in Neustadt/Saale. Vorher 3 Wochen Entgiftung in Mainkofen. Nach einer Woche finden sie Opiate im Urin und die prompte Entlassung folgte.  Er und ich waren nervlich so am Boden, weil er sagte, er hätte nichts genommen. Wir hab en am selben Tag noch über den Hausarzt in einem Krankenhaus ein Drogenscreening gemacht. Das natürlich auch positiv war. Der Arzt in Mainkofen versicherte mir, dass er ein paar Tage zuhause blei- ben soll und dann wieder hinein darf und zwar in die Jugendpsychiatrie. So klappte es nun doch noch, dass er seine Therapie antreten konnte. Ich selber fuhr ihn von Mainkofen nach Neustadt. Mein Sohn war gut drauf und ich hatte das Gefühl, als freute er sich, dass er es soweit geschafft hatte. Als ich wieder nach Hause fuhr war ich so erleichtert, denn ich wusste ja, er ist in guten Händen. In dieser Zeit konnten mein jüngerer Sohn und ich uns nervlich wieder etwas erholen – ich machte übers Arbeitsamt einen Kurs. Ende November 98 konnte ich wieder ins Berufsleben einsteigen. Es ist sehr wichtig, dass man sich selber nicht hängen lässt – schließlich musste ich den Lebensunterhalt für mich und meine Söhne verdienen. Etwa alle 3 Wochen fuhr ich nach Neustadt, um ihn zu besuchen und natürlich habe ich auch ein Gespräch mit der Therapeutin geführt. Es schien alles gut zu laufen bis Ende Januar 99. Jan rief mich von Neustadt aus an, dass er jetzt heimkommen will und er schon am Bahnhof sei.

Für  mich brach wieder eine Welt zusammen, da ich überzeugt war, er würde es schaffen. Zuhause angekommen führten wir ein langes Gespräch, wieso und warum er abgebrochen hat. Es würde ihn nicht weiterbringen,, meinte er und er würde es auch so schaffen. Das kannte ich. Hatte er schon einmal gesagt. Ich rief am anderen Tag in Neustadt an und fragte nach, ob etwas vorgefallen wäre. Man sagte mir, es wäre nichts vorgefallen, er wäre freiwillig gegangen. Die Therapeutin wollte dann auch mit meinem Sohn sprechen. Als Jan den Hörer aufgelegt hatte war er so perplex und sagte:“ Mam, die wollen mich nochmals aufnehmen – ich muss nur einen Brief schreiben, warum ich abgebrochen habe und wie ich es  mir weiterhin  vorstelle.“ Ich sagte zu ihm :“Die Therapie ist nicht aussichtslos, die hat dir ein Hintertürchen offengelassen!“

Ein paar Tage später fuhr ich ihn wieder nach  Neustadt. Als ich ihn in der Saaletalklinik abgeliefert hatte und wir uns verabschiedeten, warf er mir noch einen Blick zu, so als wolle er mir noch was sagen :“Ciao, Mam, wir sehen uns nicht mehr.“ Doch er sagte nichts mehr, drehte sich um und ging. Daraufhin lief ich sofort aus der Klinik und zum Auto. Ich bekam einen Weinkrampf. Es dauerte eine Weile, dann fuhr ich nach Neumühle, wo der Therapieplatz war. Ich unterhielt mich 2 Stunden mit der Therapeutin, bis ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte und fuhr dann nach Hause.

Ende März 99 durfte er wieder ein paar Tage heimfahren. Das gehörte zur Belastungsprobe. In dieser Zeit wurde er wieder rückfällig und spritzte sich Heroin. Da wussten wir, es gibt kein Zurück mehr nach Neustadt. Ich war wieder am Boden zerstört. Mein Sohn rief dann in der Klinik  an und sagte, dass er rückfällig geworden sei. Wir sind am anderen Tag hingefahren und haben seine Sachen geholt. Ich unterhielt mich wieder lange mit der Therapeutin, und sie meinte, es würde sehr schwer werden für mich. Womit sie auch Recht hatte. Jan war dann den Rest des Jahres arbeitslos, da er vor Therapieantritt einen Aufhebungsvertrag gemacht hatte. Er bemühte sich sehr, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Im Dezember 99  bekam er eine Zusage von einer Firma im Schichtdienst. Im Januar 2000 konnte er anfangen und freute sich wie ein kleines Kind, dass er endlich wieder Arbeit hatte. Er arbeitete das ganze Jahr hindurch ohne Urlaub und mit jeder Menge Überstunden. In dieser Zeit spritzte er sich immer öfter. Wenn er nicht gerade arbeitete hing er zuhause herum und hatte keine Freude mehr am Leben. Am 29. November 2000 hatte Nils sein Gelöbnis. Er ist mittlerweile bei der Bundeswehr. Wir fuhren alle hin: Mein älterer Sohn, mein Freund, die Oma und ich. Es war ein wunderschöner Tag – es war kalt, aber die Sonne schien. Jan war an diesem Tag so aufgeschlossen und fröhlich und interessierte sich für alles in der Kaserne. Am späten Nachmittag war das Gelöbnis, und anschließend durfte mein jüngerer Sohn mit nach Hause fahren. Auf der Rückfahrt kehrten wir in Garmisch bei einem Italiener zum Essen ein und ließen den schönen Tag ausklingen. 3 Tage später, am 2. Dezember, war mein Sohn tot. Eine Überdosis. Sein Bruder fand ihn am Nachmittag tot vor seinem Bett.

Aus dem Elternkreis entstand eine schöne Freundschaft, das half mir sehr über die schweren Jahre und meine Trauer hinweg.

 

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