Elternkreis Suchtabhängiger e.V. Deggendorf-Mainkofen-Niederbayern

Abgrundtief – ich höre Dein Schreien, aber sehe Dich nicht!

 

Im Frühjahr erwacht die Natur zu neuem Leben.

Auch Speranza spürt neue Kraft und viel Schwung. Wenn Speranza zurückschaut, was in den letzten Monaten alles war, wundert sie sich über die Kraft und über all das, was sie geschafft hatte. Ja, sie ist dankbar für ihre Willensstärke, für ihr Durchsetzungsvermögen, denn beides war in der vergangenen Zeit hilfreich und geradezu lebensnotwendig, um all das zu bewältigen, was auf sie einströmte.

Aus eigener Kraft hätte Speranza das nie geschafft.

Ihr Glaube hat ihr geholfen! Ein Glaube an einen Gott, der sie führt und leitet, der sie mit Liebe erfüllt und sie daraus handeln lässt. Und dennoch: Jetzt steht sie vor einem Abgrund – und dieser ist abgrundtief. Sie weiß, dass in diesem Abgrund eine junge Frau ist, auch wenn sie nicht mehr zu sehen ist. Lange Zeit hatte sie diese junge Frau im Blick, ja, sie war geradezu ihr täglicher Lebensinhalt.

Ein Auf und Nieder erlebten sie gemeinsam – Speranza und Rose.

Sie teilten viel miteinander, vor allem aber die Liebe, die sie verband und nach wie vor verbindet. Speranza weiß, dass Rose in diesem Abgrund ist. Sie ruft nach ihr und bekommt auch Antwort. Speranza vernimmt die Hilfeschreie und streckt Rose die Arme entgegen. Doch da gerät Speranza selber ins Wanken. Sie verliert fast den Halt und muss sich festhalten lassen von einem, der hinter ihr steht.

Speranza weiß, dass sie nicht alleine ist, andere zittern mit ihr und bangen um das Leben von Rose. Gemeinsam versuchen sie nun, Rose herauszuziehen, doch sie riskieren dabei alle den Absturz und müssen sich gegenseitig zurückhalten. Was nützte es Rose, wenn sie alle gemeinsam in diesem Abgrund wären? Wer könnte ihr dann noch helfen und ihr die Hoffnung schenken, jemals wieder aus dem Abgrund heraus zu kommen?

Sie ist ja jetzt schon nicht allein in diesem dunklen Loch, andere stecken genauso tief, vielleicht auch noch tiefer drin und schreien nach Hilfe. Manche haben sogar schon aufgegeben – sich selbst und ihre Verbindung zum Leben. Doch Rose will nicht aufgeben! Sie schreit nach Hilfe, auch wenn sie dabei immer wieder stürzt und manchmal auch verstummt – aus Scham oder Mutlosigkeit, wer weiß?

Rose lernt in ihrem Elend auch andere kennen – die einen, die mit ihr im Abgrund sitzen und andere, die ihr und ihren Leidensgefährten aus dem Abgrund heraushelfen möchten. Beide Seiten strecken einander die Arme entgegen. Die im Abgrund merken, dass sie zu tief drin sind, und die anderen müssen aufpassen, nicht selbst hineinzustürzen und damit keinem zu helfen! Speranza kann nicht mehr, sie möchte Rose herausholen. Sie hat Sehnsucht nach diesem blonden und aufgeweckten Mädchen, das sie einmal kannte.

Speranza möchte Rose in die Arme schließen, oder? Vielleicht möchte sie sogar von Rose in die Arme genommen werden? Doch bis sich dieser Wunsch erfüllt, ist der Weg noch lang und unüberschaubar. Viel zu tief ist der Abgrund, in dem Rose jetzt festsitzt und nicht raus kann – vielleicht sogar noch gar nicht raus will?

Speranza merkt, dass sie an ihre Grenzen gerät. Sie steht schon vor dem Abgrund und darf keinen Schritt mehr weitergehen! Bis hierher war der Weg noch begehbar, wenn er auch steinig, holprig und immer wieder gefährlich war. Die vielen Stolpersteine, die Speranza im Weg lagen, machten ihre Füße wund, schmerzten fürchterlich und ließen sie manchmal fast verzweifeln. Wäre da nicht ihre unerschütterliche Hoffnung gewesen! Speranza – ihr Name heißt übersetzt Hoffnung.

Und Hoffnung ist auch ihr Lebensmotto.

Speranza steht am Abgrund, hält Ausschau nach Rose und denkt nach. Speranza muss sich hinsetzen, um neue Kraft zu schöpfen. Sie schließt die Augen und lässt ihren Gedanken freien Lauf. Da fällt ihr ein: Es gibt da etwas, was sich durch ihr Leben durchzieht – ihr Glaube an Gottes Liebe. Speranza hat es gelernt, christlich zu handeln, den Menschen mit Nächstenliebe und Fürsorge zu begegnen. Jesus hat es uns vorgelebt, überlegt Speranza. Aber was hat Jesus wirklich vorgelebt?

Die Menschen, die er heilte, kamen zu ihm. Sie gingen auf ihn zu und baten ihn um Hilfe. Jesus drängte seine Hilfe nicht auf, er wollte sich nicht in den Mittelpunkt stellen, und er tat es auch nicht. Denn Jesus sagte immer einen entscheidenden Satz: „Dein Glaube hat Dir geholfen!“ Jesus wusste: Nur wer selber Hilfe wollte, nur wer selbst das Seine dazu tat, dem konnte er helfen. Der eigene Wille des Hilfesuchenden, der Glaube an sich selbst, der Glaube daran, dass ihm oder ihr wirklich geholfen werden kann, war entscheidend für die Heilung.

Speranza öffnet ihre Augen wieder und sieht plötzlich ganz klar: „Ich kann Rose nicht helfen, wenn ich mich selbst in Gefahr begebe und in den Abgrund stürze. Ich kann Rose auch nicht helfen, wenn sie selbst das nicht aus ganzem Herzen will. Sie muss aufstehen in diesem finsteren Loch. Sie muss ihren Blick nach oben richten, um den Lichtstrahl zu erkennen, der ihr den Weg aus dem Abgrund aufzeigt. Rose muss selbst zu klettern beginnen, doch sie wird vermutlich immer wieder einmal abrutschen, denn der Abgrund ist tief und der Boden zu weich.

Vielleicht halten sie auch andere fest, die mit ihr im Abgrund sind? Von denen muss sie sich erst lösen. Der eine oder andere will vielleicht mit ihr hinaus aus dem Abgrund, doch auch der muss sich selber anstrengen, darf sich nicht von Rose ziehen lassen. Denn Rose braucht ihre Kraft jetzt ganz für sich allein, sonst kann sie es nicht schaffen!

Rose weiß aber hoffentlich, dass oben viele stehen, die auf sie warten und ihr die Hand reichen. Nur ist momentan der Abstand noch zu groß. Rose hat es in der Hand, diesen Abstand zu verringern – Schritt für Schritt, geduldig und mit großer Anstrengung. Der Aufstieg aus dem Abgrund heraus wird nicht einfach, es werden noch viele Tage, Wochen, Monate und vielleicht sogar Jahre vergehen bis Rose wieder ganz oben ist. Aber sie kann es schaffen, wenn sie es will!“

Speranza hofft, dass Rose es schafft. Sie wünscht ihr vor allem, dass sie die Anstrengung nicht scheut, sich Stück für Stück hoch zu arbeiten. Speranza weiß, dass es wesentlich schneller geht, den Abgrund hinunter zu stürzen als ihn herauf zu klettern. Noch mehr weiß das jetzt Rose, die abgrundtief im Abgrund sitzt. Sie hat jetzt schon mehrere Male mit dem Klettern begonnen, ist aber immer wieder abgerutscht, manchmal sogar tiefer als vorher.

Speranza wünscht Rose von Herzen, dass sie nicht aufgibt, sondern immer wieder aufsteht und zu klettern beginnt – den Menschen entgegen, die sie ehrlich und von Herzen lieben. Sie können ihr beim Klettern nicht helfen, da sie zu weit weg sind, aber sie können und wollen auf sie warten! Und sie rufen ihr immer wieder zu: Komm heraus, liebe Rose! Das kann sie hören, denn der Abgrund ist zwar tief, aber die Akustik ist hervorragend! Und wenn sie endlich wieder einander sehen und sich vielleicht sogar mit den Fingerspitzen berühren, dann ist der Weg für Rose nicht mehr weit, und sie hat das Ziel erkennbar vor Augen! Vielleicht folgt ihr der eine oder andere aus dem Abgrund heraus. Alle, die diese Anstrengung nicht scheuen, können es schaffen, wenn sie es wollen!

Speranza weiß, dass auch dann das Leben für Rose kein Honiglecken sein wird, weil es immer wieder Durststrecken gibt – bei jedem! Aber eins weiß sie gewiss: Dann können sie – Speranza und Rose – den Weg wieder gemeinsam gehen – gemeinsam mit allen, mit denen sie in Liebe verbunden sind.

 

(29. April 2009 – Marlene Goldbrunner)