Elternkreis Suchtabhängiger e.V. Deggendorf-Mainkofen-Niederbayern

Ein Vater erzählt von der Drogensucht seiner Tochter / „Der Elternkreis ist für mich eine große Stütze“

Deggendorf (cn). Manfred M.* geht in diesen Tagen gerne mit seiner Tochter Anna* im Wald spazieren. Der Familienhund Edi ist auch dabei. In den frühen Morgenstunden hängt der Nebel fast noch auf Bodenhöhe und man kann nur wenige Meter weit sehen.
„Ich versuche hier zu mir selbst zu finden und auch wieder zu meiner Tochter einen Draht aufzubauen“, so Manfred M. Die letzten 12 Jahre haben tiefe Spuren in seiner Familie hinterlassen. Anna war drogensüchtig und hat dadurch lange an Psychosen gelitten. Manfred M. und seine Frau waren verzweifelt und suchten nach Auswegen. So stießen sie auf den Elternkreis Suchtabhängiger e.V. Deggendorf - Mainkofen - Niederbayern und fanden dort Verständnis und Unterstützung.

Anna war eine gute Schülerin und sehr beliebt. Sie war kreativ, gestaltete Figuren und zeichnete detailgetreue Bilder. Doch mit 15 Jahren begann sie sich zu ritzen. Mit 16 Jahren beendete Anna ohne Abschluss die Schule und begann eine Lehre als Glasbläserin in Zwiesel. Ihre künstlerische Ader konnte sie dort ohne Einschränkungen ausleben. Sie zog von Zuhause aus und nahm sich eine eigene Wohnung. „Sie stand nun auf eigenen Füßen und wir dachten, sie wäre über das Ritzen hinweg.“ Manfreds Blick senkt sich zu Boden. Er wirft Edi ein Stöckchen zu. Dann kam der Tag der Abschlussprüfung. „Eine Lehrerin rief uns an und sagte uns, dass Anna gerade eine Glaskugel beschwört und vollkommen psychotisch sei.“ Anna litt an Verfolgungswahn und ihre Wohnung glich einer Müllhalde, doch sie stritt ab Drogen zu nehmen und behauptete, vollkommen normal zu sein. Die besorgten Eltern fuhren sofort mit Anna ins Krankenhaus. Der behandelnde Neurologe stellte fest, dass alles auf einen übermäßigen Drogenmissbrauch hindeute. Ein Schock. Gleichzeit befiel die Eltern das Gefühl vollkommen allein zu sein.

Es war die Zeit, als Annas Eltern zum Elternkreis Suchtabhängiger e.V. stießen. Damals richtete sich der Kreis an Eltern und Angehörige, deren Kinder oder Verwandte im Jugendalter Drogen und Alkohol konsumieren. Seit zwei Jahren ist der Kreis auf alle Arten von Suchtverhalten (z.B. Videospiele und Spielautomaten) erweitert. „Die ersten Male haben meine Frau und ich nur dabei gesessen und haben zugehört.“ Verzweifelte Eltern erzählten hier von ihren täglichen Erfahrungen, wie der Sohn im Drogenrausch einen Unfall verursachte oder wie die Tochter zum zweiten Mal im Monat mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Es wurde aber auch über konkrete Hilfen gesprochen. Welche staatlichen Stellen können wie helfen? Welche Ärzte kann man empfehlen? Manfred M. fand viele Antworten und profitierte von den Erfahrungen der anderen Eltern. Besonders lernten er und seine Frau ihr Kind loszulassen. „Wir verstanden, dass es Anna nichts bringt, wenn wir ihr ständig helfen und ihr alles machen. Sie musste selbst stehen oder eben hinfallen.“

Ihre Psychosen wurden immer schlimmer. Sie schrie, sie lachte hysterisch, sie randalierte. Nach einer Zwangseinweisung in das Bezirksklinikum Mainkofen bei Deggendorf und einem Ausbruchsversuch musste Anna zeitweise an das Bett fixiert werden. „Sie haben sie mit Gurten festgebunden, während sie wie am Spieß schrie.

Meiner Frau wurde das zu viel und sie stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch.“ Zu jener Zeit war Anna 21 Jahre alt, somit volljährig und für ihr Leben selbst verantwortlich. Die Eltern erreichten, dass ihre Tochter einen Betreuer bekommt, der ihr im täglichen Leben helfen sollte. Es war zunächst ein komisches Gefühl für Anna, einem vollkommen Fremden zu vertrauen.

Doch auch die Eltern standen vor dieser Herausforderung. Im Elternkreis trafen sie auf Menschen, die sie nicht kannten, aber denen sie dennoch vollkommen vertrauten. „Weil sie dasselbe durchgemacht haben wie wir. Teilweise sogar noch schlimmer“, so Manfred. Der Elternkreis zählt heute etwa 25 Mitglieder, vor allem Mütter. Nach den Treffen gehen alle regelmäßig gemeinsam in Plattling Essen – wie bei einer großen Familie.
Annas Eltern sind nun diejenigen, von denen die neuen Elternkreis-­‐Teilnehmer lernen können. „Vor Jahren haben wir von anderen gelernt, mit der Situation zu leben, jetzt helfen wir anderen“, sagt Manfred M. mit einem leichten Lächeln.

Heute muss Anna schwere Medikamente nehmen und ist durch die Drogensucht zu 70 Prozent schwerbehindert. Sie lebt in einer kleinen Wohnung ganz in der Nähe ihrer Eltern. Drogen sind aber kein Thema mehr. „Ich sehe es in ihren Augen, dass sie keine Drogen mehr nimmt. Die Augen sind klar und echt“, so ihr Vater. Die Familie M. findet nun wieder zusammen. „Es ist gut, so wie es ist.“ Vater und Tochter stehen nun gemeinsam am Waldrand. Beim Nachhause gehen legt Anna ihren Arm um ihren Vater und drückt ihn fest an sich. „Das hat sie früher nie getan.“