Elternkreis Suchtabhängiger e.V. Deggendorf-Mainkofen-Niederbayern


Liebe Tochter, Du schreibst, dass es in Deiner Beziehung kriselt. Du schreibst, dass Du unglücklich bist und das Gefühl hast, nichts auf die Reihe zu kriegen. Dass Du in Deinem Leben nie Glück hattest und was das für ein Leben sei.


Du hattest Glück – es ist ein wunderbares Geschenk, geboren zu werden. Als zählte man zu den Auserwählten. Und dann hast Du noch so viele Gaben mitbekommen, von denen andere nur träumen können. Das Leben kann nichts dafür, dass Du diese Gaben nicht schätzen kannst. Dass sie Dir nichts bedeuten. Du bist begabter, intelligenter, hübscher als viele andere. Du bist etwas Besonderes. Besondere Menschen sind oft einsam, weil sie von ihren Mitmenschen nicht verstanden werden. Du wolltest unbedingt zu jemandem gehören, es waren die Falschen. Jetzt, nachdem Du das erkannt hast (hoffentlich), fängst Du ganz von vorn an, Schritt für Schritt. Du hast den schwersten Weg gewählt, aber Du hast ihn gewählt, niemand anderes. Du wolltest keine professionelle Hilfe – das ist mutig oder naiv. Und ohne diese Hilfe hast Du es Dir noch schwerer gemacht. Dein Körper muss ja erst wieder mit den Schäden, die die Drogen angerichtet haben, fertig werden. Er muss lernen, normale Gefühle zu haben. Es ist eine schwierige Zeit für Dich und für die Menschen, die Dich begleiten. Es ist nicht leicht mit Dir umzugehen, besonders wenn man selbst Probleme hat. Hab Geduld mit Dir und mit Deiner Umwelt!!!

Kannst Du Dich noch erinnern – es war in Deiner schlimmsten Drogenzeit, Papa und ich wussten nicht, wie wir mit der furchtbaren Tatsache umgehen sollten. Du riefst uns an und Dein Vater sagte Dir, dass ich gerade vom Arzt eine Beruhigungsspritze bekommen hätte, weil ich mit den Nerven am Ende sei. Also da sagtest Du mir: „Hör endlich auf mit Deinem blöden Selbstmitleid!!!“ Zuerst war ich beleidigt. Dann dachte ich darüber nach und fand, dass Du recht hattest. Du wirst es nicht glauben, aber dieser Satz hat mir sehr geholfen, nicht nur bei dem Thema, sondern überhaupt. Heute bin ich Dir dankbar, dass Du mir die Augen geöffnet hast (das mit dem Selbstmitleid gilt natürlich auch für Dich!). Ich untersuche jetzt jedes mal gründlich, ob ich berechtigt bin zu leiden oder ob ich mir nur wieder mal ein bisschen Selbstmitleid gönne. Ich habe nicht das Recht unter Dingen, die Du Dir angetan hast zu leiden. Ich darf Dir helfen, wenn Du es zulässt. Ich darf auch weinen, aber es muss mir klar sein, dass ich das jetzt brauche und dass es eigentlich nichts mit Dir zu tun hat. Du bist nicht mein Eigentum, ich habe Dich losgelassen.

Ich habe vieles gelernt, z.B. Verständnis für Leute zu haben, die nicht verstehen (können). Dein Vater und ich verstehen uns (jetzt) viel besser – die schlimmen Erlebnisse haben uns sensibler und dankbarer gemacht. Ich danke Gott schon beim Aufwachen, dass mir nichts weh tut, dass ich gesund bin und für den neuen Tag. Und den will ich so gut wie möglich bewältigen. Fehler verzeihe ich mir selbstverständlich und probiers noch mal. Das ist ja das Schöne: man kann immer von vorn anfangen, ganz neu. Du auch.

Die Sucht hat uns alle verändert– auch positiv. Wir sind erwachsen geworden. Hoffe ich doch. Ich wünsche Dir, dass Du weiter vorankommst – Du hast doch schon so viel geschafft.

Alles Liebe, Deine Mama.